Der Vibe

Small-Talk ist die Grundlage eines jeden Gesprächs, insbesondere wenn wir neue Menschen kennen lernen. Wir checken aus, wie unser Gegenüber so tickt, was ihm gefällt und was nicht und wie sein Leben so gestaltet ist. Ziemlich schnell merken wir dabei, ob wir mit jemandem gerne viel Zeit verbringen möchten oder wir auf weitere Treffen gerne verzichten. Im Neudeutsch unsere Generation sprechen wir dabei von dem sogenannten „Vibe“. Das sind Wellen und Schwingungen die uns von anderen Menschen entgegenschwappen und dem möchte ich mich mal genauer widmen. Was macht denn dieser Vibe mit uns? Warum ist es so wichtig, dass wir mit unseren Freunden auf dem selben Vibe sind? Und was passiert, wenn sich die Vibes auf einmal verändern?

Vibes stelle ich mir bildlich wie Sinus-Kurven in der Mathematik vor. Dabei gibt es größere und kleinere, höhere und niedrigere Wellen aber manchmal auch Funktionen, die immer höher oder enger werden, vielleicht aber auch gar keine Gleichmäßigkeit entwickeln und eher aussehen wie der DAX.

In unserem Freundeskreis treffen meistens viele verschiedene Vibes aufeinander. Von manchen können wir profitieren und uns gegenseitig ergänzen. Bei anderen lernen wir viel über uns selber und mit welchen Eigenschaften unsere eigenen Kurven nicht ganz so gut harmonieren. Und langsam wird uns auch bewusst, mit welchen Schwingungen wir auf Dauer gut harmonieren und zu welchen wir lieber Abstand möchten. Ein Beispiel für eine regelmäßige, nicht allzu große Kurve wäre eine junge Frau, Anfang 20, sitzt gerade an ihrem Bachelor und arbeitet nebenbei in einem Medien Start-Up. Ab und zu geht sie mal was mit Freunden trinken, auf ein Konzert oder ins Kino, aber über die Stränge schlagen wird sie eher nicht.  Im Gegensatz dazu stünde ein junger Mann, der eigentlich Bauingenieur ist, Teilzeit arbeitet, gerne auf Elektro-Parties tanzt, in seiner Freizeit Portraits von Freunden schießt und sich gerne mal Bühnenkonzepte für Mozart-Opern ausdenkt, sämtliche Magazine über Mode, Ernährung und Fitness ließt sowie jeden zweiten Tag im Fitnessstudio verbringt und am Wochenende am See entspannt und mindestens einen Club von innen gesehen haben muss.

Beide Personen sind miteinander befreundet, da sie sich im Bereich Mode auf demselben Level befinden und einen gemeinsamen Freundeskreis haben. Aber irgendwann kommt ein Punkt, an dem die beiden auseinander gehen. Nicht einmal eines großen Streits oder weil jemand wegzieht. Sondern viel eher, weil sie merken, dass die Vibes nicht deckungsgleich sind. Man will unterschiedliche Dinge vom Leben und manch einer findet seine Regelmäßigkeit früher oder später, andere suchen erst gar nicht danach. Wessen Kurve nicht gleichmäßig verläuft wird von der Gesellschaft oft als unnormal wahrgenommen. Du kündigst deinen Job um eine Weltreise zu machen? Das ist aber verrückt. Du bist 18 und träumst davon, Fußballprofi zu werden? Such dir doch was, wo du mehr Sicherheiten hast. Du willst zum Film? Hast du dir das auch gut überlegt? Seit wann trägst du bauchfrei? Stark ausgeprägte, unregelmäßige Vibes kommen in der Gesellschaft an wie nicht lösbare Gleichungen in der Mathematik: Nicht gut.

Ich schätze in den 20ern verändern sich unsere Kurven am meisten. Manche werden größer, manche kürzer, andere haben große Ausschläge nach oben und unten. Und in genau diese Phasen ist es wichtig, Menschen mit ähnlichen Amplituden um uns herum zu haben. Menschen, die verstehen, wenn die y-Achse eigentlich gerade zu kurz für uns ist, wir auch mal für ein paar Tage unter Null sind oder irgendein kleiner Troll auf unserem Vibe gerade Achterbahn mit einem Vorschlaghammer fährt. Das bedeutet aber auch, dass Menschen, deren Kurven gerade nicht zu der Unseren passen, vielleicht verblassen oder zeitweise auch ganz verschwinden. Das zu verstehen und anzunehmen ist schwer, denn Menschen los zu lassen und einzusehen, dass man gerade etwas anderes braucht ist emotional eine wahnsinnige Herausforderung. Schluss machen in Freundschaften ist mindestens genauso schmerzhaft wie Liebesbeziehungen zu beenden.

Am Ende stehen wir jedoch mit unserem Vibe alleine da. Deinen eigenen Graphen kennst du selbst am besten. Wenn das zum momentanen Zeitpunkt noch nicht der Fall ist, solltest du zumindest versuchen, irgendwann eine Idee davon zu bekommen. Es ist so wichtig, auf sich selbst zu hören, seine eigenen Schwingungen zu kennen und zu akzeptieren (!). Denn erst dann können wir auschecken, welchen Spielraum uns die eigenen Kurven lassen um Kompromisse mit anderen Vibes zu schließen. Die bunte Vielfalt, das Kreuz und Quer und Zickzack übereinander machen doch erst den Reiz aus, den die Welt uns zu bieten hat. Man muss nur wissen, wo man sich selbst in dem ganzen Kuddelmuddel wiederfindet.

 

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