Seid nett zueinander!

Neulich lief ich abends gerade aus dem Bahnhofsfoyer, etwas gestresst, mit lauter Musik auf den Kopfhörern, als ein junger Mann auf mich zukam. Er sah sehr nett aus, lächelte mich an und ich nahm meine Stöpsel aus den Ohren, da ich davon ausging, dass er mich nach dem Weg fragen wollte. Doch dann die Überraschung. Er sagte zu mir nur einen Satz: „Du bist wunderschön.“, lächelte mich nochmal an und ging weiter. Perplex wie ich war, grinste ich nur vor mich hin, stöpselte meine Ohren wieder zu und ging weiter.

Eine kleine Geste, ein kurzer Satz, ein aufmunterndes Lächeln, all das kann uns den Tag versüßen. Wie oft reden wir mit unseren Freunden über Leute die vorbei laufen und die wir schön, interessant, faszinierend, verrückt oder lustig finden? Ich meinerseits fast täglich. Und eigentlich sollten wir viel öfter anderen Menschen mitteilen, dass wir etwas schön, besonders oder einfach toll an ihnen finden. Dir tut es nicht weh und vielleicht trägst du dazu bei, dass sich ein richtig mieser Tag für jemand anderen doch noch in einen schönen Tag verwandelt.

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Brief einer Patientin

Hey,

schön, dass es dich gibt. Das wollte ich dir erstmal sagen. Du bist ein wichtiger Teil von meinem Leben und es ist mir wichtig, dass du das weißt. Du weißt auch, dass ich Depressionen habe. Aussetzer, schlechte Stimmung, Weinkrämpfe und Aggressionen. Du unterstützt mich dabei und das ist echt der Wahnsinn. Danke dafür. Doch manchmal gerate ich an meine Grenzen, genauso wie du. Die Stimmungsschwankungen schlagen auf die Beziehung und um eine dauerhafte Beschädigung zu vermeiden möchte ich dir versuchen zu erklären, was wichtig ist, wie du mir helfen kannst und wie du auch Abstand nehmen kannst.

Das Schwierigste an Depressionen ist, dass ich keinen Einfluss habe, wann, wo und durch was sie ausgelöst werden und warum sie kommen. Manchmal können es große Rückschläge, wie eine verpatzte Klausur sein. An anderen Tagen ist es nur die Teekanne, die tropft. Das Wichtigste, was ich in solchen Situationen brauche, sind Verständnis und Geduld. Du kannst nicht verstehen (genausowenig wie ich) warum manche Situationen mehr Einfluss auf meine Stimmung haben als andere, aber das Ziel ist auch nicht, die Situationen zu umgehen, sondern sie auszuhalten. Und das Aushalten schaffe ich nur mit Unterstützung. Ich muss nicht hören, dass etwas eigentlich gar nicht schlimm ist. Das weiß ich. Ich muss nicht hören, dass mich trotzdem jemand lieb hat. Das weiß ich. Ich muss auch nicht hören, dass ich aus einer Mücke keinen Elefanten machen soll und ich mich zusammen reißen soll. Das weiß ich.

Was mir hilft, sind Fragen die mir helfen das Geschehen zu reflektieren. Was denkst du? Was fühlst du? Warum fühlst du so? Was könnte deiner Meinung nach der springende Punkt gewesen sein? Das Ziel für mich besteht darin, selbst zu verstehen, dass die Welt von einer tropfenden Teekanne nicht untergeht. Zu wissen, an welchem Punkt ich stoppen muss, bevor ich einen Ausraster bekomme. Zu verstehen, dass ich damit klar kommen kann, wenn mich gerade etwas fertig macht und irgendwann auch wieder Licht am Ende des Tunnels ist.

Ich weiß selbst nicht, wann was passiert und wie ich darauf reagiere. Und dafür brauche ich dein Verständnis. Nicht für die Situation, den Auslöser an sich, denn dieser ist meistens total irrational und für Außenstehende (und auch mich) im seltensten Fall verständlich. Verständnis brauche ich für mich und die Tatsache, dass ich mich selbst in dem Augenblick nicht verstehe, die Situation hasse, vielleicht mich selbst hasse für das was ich in diesem Augenblick tue. Und das braucht Geduld. Wenn du dich in einem Moment nicht in der Lage fühlst mir zu helfen, dann signalisiere mir das. Sage mir, dass du damit gerade nicht umgehen kannst. Aber sage mir auch, dass ich trotzdem nicht alleine bin, denn das ist meine größte Angst. Du musst nicht meinen Therapeuten spielen und dich immer meinen Tiefs aussetzen. Eine Umarmung, ein Bonbon oder eine gute Filmempfehlung stehen auf der Skala der besten Helfertips auch ganz weit oben. Und bitte stell Fragen. Alles was du wissen willst, will auch ich wissen. Ich will keine Belastung sein und deßhalb ist es wichtig, darüber zu reden.

Danke, dass du da bist. Denn das ist, was zählt.

 

Der Vibe

Small-Talk ist die Grundlage eines jeden Gesprächs, insbesondere wenn wir neue Menschen kennen lernen. Wir checken aus, wie unser Gegenüber so tickt, was ihm gefällt und was nicht und wie sein Leben so gestaltet ist. Ziemlich schnell merken wir dabei, ob wir mit jemandem gerne viel Zeit verbringen möchten oder wir auf weitere Treffen gerne verzichten. Im Neudeutsch unsere Generation sprechen wir dabei von dem sogenannten „Vibe“. Das sind Wellen und Schwingungen die uns von anderen Menschen entgegenschwappen und dem möchte ich mich mal genauer widmen. Was macht denn dieser Vibe mit uns? Warum ist es so wichtig, dass wir mit unseren Freunden auf dem selben Vibe sind? Und was passiert, wenn sich die Vibes auf einmal verändern?

Vibes stelle ich mir bildlich wie Sinus-Kurven in der Mathematik vor. Dabei gibt es größere und kleinere, höhere und niedrigere Wellen aber manchmal auch Funktionen, die immer höher oder enger werden, vielleicht aber auch gar keine Gleichmäßigkeit entwickeln und eher aussehen wie der DAX.

In unserem Freundeskreis treffen meistens viele verschiedene Vibes aufeinander. Von manchen können wir profitieren und uns gegenseitig ergänzen. Bei anderen lernen wir viel über uns selber und mit welchen Eigenschaften unsere eigenen Kurven nicht ganz so gut harmonieren. Und langsam wird uns auch bewusst, mit welchen Schwingungen wir auf Dauer gut harmonieren und zu welchen wir lieber Abstand möchten. Ein Beispiel für eine regelmäßige, nicht allzu große Kurve wäre eine junge Frau, Anfang 20, sitzt gerade an ihrem Bachelor und arbeitet nebenbei in einem Medien Start-Up. Ab und zu geht sie mal was mit Freunden trinken, auf ein Konzert oder ins Kino, aber über die Stränge schlagen wird sie eher nicht.  Im Gegensatz dazu stünde ein junger Mann, der eigentlich Bauingenieur ist, Teilzeit arbeitet, gerne auf Elektro-Parties tanzt, in seiner Freizeit Portraits von Freunden schießt und sich gerne mal Bühnenkonzepte für Mozart-Opern ausdenkt, sämtliche Magazine über Mode, Ernährung und Fitness ließt sowie jeden zweiten Tag im Fitnessstudio verbringt und am Wochenende am See entspannt und mindestens einen Club von innen gesehen haben muss.

Beide Personen sind miteinander befreundet, da sie sich im Bereich Mode auf demselben Level befinden und einen gemeinsamen Freundeskreis haben. Aber irgendwann kommt ein Punkt, an dem die beiden auseinander gehen. Nicht einmal eines großen Streits oder weil jemand wegzieht. Sondern viel eher, weil sie merken, dass die Vibes nicht deckungsgleich sind. Man will unterschiedliche Dinge vom Leben und manch einer findet seine Regelmäßigkeit früher oder später, andere suchen erst gar nicht danach. Wessen Kurve nicht gleichmäßig verläuft wird von der Gesellschaft oft als unnormal wahrgenommen. Du kündigst deinen Job um eine Weltreise zu machen? Das ist aber verrückt. Du bist 18 und träumst davon, Fußballprofi zu werden? Such dir doch was, wo du mehr Sicherheiten hast. Du willst zum Film? Hast du dir das auch gut überlegt? Seit wann trägst du bauchfrei? Stark ausgeprägte, unregelmäßige Vibes kommen in der Gesellschaft an wie nicht lösbare Gleichungen in der Mathematik: Nicht gut.

Ich schätze in den 20ern verändern sich unsere Kurven am meisten. Manche werden größer, manche kürzer, andere haben große Ausschläge nach oben und unten. Und in genau diese Phasen ist es wichtig, Menschen mit ähnlichen Amplituden um uns herum zu haben. Menschen, die verstehen, wenn die y-Achse eigentlich gerade zu kurz für uns ist, wir auch mal für ein paar Tage unter Null sind oder irgendein kleiner Troll auf unserem Vibe gerade Achterbahn mit einem Vorschlaghammer fährt. Das bedeutet aber auch, dass Menschen, deren Kurven gerade nicht zu der Unseren passen, vielleicht verblassen oder zeitweise auch ganz verschwinden. Das zu verstehen und anzunehmen ist schwer, denn Menschen los zu lassen und einzusehen, dass man gerade etwas anderes braucht ist emotional eine wahnsinnige Herausforderung. Schluss machen in Freundschaften ist mindestens genauso schmerzhaft wie Liebesbeziehungen zu beenden.

Am Ende stehen wir jedoch mit unserem Vibe alleine da. Deinen eigenen Graphen kennst du selbst am besten. Wenn das zum momentanen Zeitpunkt noch nicht der Fall ist, solltest du zumindest versuchen, irgendwann eine Idee davon zu bekommen. Es ist so wichtig, auf sich selbst zu hören, seine eigenen Schwingungen zu kennen und zu akzeptieren (!). Denn erst dann können wir auschecken, welchen Spielraum uns die eigenen Kurven lassen um Kompromisse mit anderen Vibes zu schließen. Die bunte Vielfalt, das Kreuz und Quer und Zickzack übereinander machen doch erst den Reiz aus, den die Welt uns zu bieten hat. Man muss nur wissen, wo man sich selbst in dem ganzen Kuddelmuddel wiederfindet.

 

Nachtschwärmerei

Ende Mai. Gerade aus der Tür vom Game-of-Thrones Binge Watching mit Freunden, fängt der Regen an. Ein heftiges Gewitter. Die Erlösung nach einem heißen Wochenende. Dem ersten richtig heißen Wochenende. Dicke, nasse Tropfen. Wasserströme durch die von Straßenlaternen beleuchteten Blätter der grünen Bäume.

Zu zweit, eng umschlungen unter einem Schirm. Bringt nichts. Schuhe durchnässt, Haare krause, Brille beschlagen, Tasche durchweicht. Fröhlich, lachend, den Ernst des Lebens diskutierend, Unterschlupf suchend. Jogginghose trieft, Vintage-Pulli schwer vom Wasser.

In der Bahn sehen alle so aus. Dann: Endstation Warschauer Straße. Blitze zerreissen die Wolkendecke, Donner grölt, Mädchen schreien verängstigt, Dealer lachen gehässig, Kiosk-Verkäufern schütteln enttäuscht den Kopf. Keine gute Nacht für hohen Umsatz. Auf dem MP3-Player läuft das letzte Moderat Album. Das Klischee einer Berliner Studentin wie sie leibt und lebt.