Brief einer Patientin

Hey,

schön, dass es dich gibt. Das wollte ich dir erstmal sagen. Du bist ein wichtiger Teil von meinem Leben und es ist mir wichtig, dass du das weißt. Du weißt auch, dass ich Depressionen habe. Aussetzer, schlechte Stimmung, Weinkrämpfe und Aggressionen. Du unterstützt mich dabei und das ist echt der Wahnsinn. Danke dafür. Doch manchmal gerate ich an meine Grenzen, genauso wie du. Die Stimmungsschwankungen schlagen auf die Beziehung und um eine dauerhafte Beschädigung zu vermeiden möchte ich dir versuchen zu erklären, was wichtig ist, wie du mir helfen kannst und wie du auch Abstand nehmen kannst.

Das Schwierigste an Depressionen ist, dass ich keinen Einfluss habe, wann, wo und durch was sie ausgelöst werden und warum sie kommen. Manchmal können es große Rückschläge, wie eine verpatzte Klausur sein. An anderen Tagen ist es nur die Teekanne, die tropft. Das Wichtigste, was ich in solchen Situationen brauche, sind Verständnis und Geduld. Du kannst nicht verstehen (genausowenig wie ich) warum manche Situationen mehr Einfluss auf meine Stimmung haben als andere, aber das Ziel ist auch nicht, die Situationen zu umgehen, sondern sie auszuhalten. Und das Aushalten schaffe ich nur mit Unterstützung. Ich muss nicht hören, dass etwas eigentlich gar nicht schlimm ist. Das weiß ich. Ich muss nicht hören, dass mich trotzdem jemand lieb hat. Das weiß ich. Ich muss auch nicht hören, dass ich aus einer Mücke keinen Elefanten machen soll und ich mich zusammen reißen soll. Das weiß ich.

Was mir hilft, sind Fragen die mir helfen das Geschehen zu reflektieren. Was denkst du? Was fühlst du? Warum fühlst du so? Was könnte deiner Meinung nach der springende Punkt gewesen sein? Das Ziel für mich besteht darin, selbst zu verstehen, dass die Welt von einer tropfenden Teekanne nicht untergeht. Zu wissen, an welchem Punkt ich stoppen muss, bevor ich einen Ausraster bekomme. Zu verstehen, dass ich damit klar kommen kann, wenn mich gerade etwas fertig macht und irgendwann auch wieder Licht am Ende des Tunnels ist.

Ich weiß selbst nicht, wann was passiert und wie ich darauf reagiere. Und dafür brauche ich dein Verständnis. Nicht für die Situation, den Auslöser an sich, denn dieser ist meistens total irrational und für Außenstehende (und auch mich) im seltensten Fall verständlich. Verständnis brauche ich für mich und die Tatsache, dass ich mich selbst in dem Augenblick nicht verstehe, die Situation hasse, vielleicht mich selbst hasse für das was ich in diesem Augenblick tue. Und das braucht Geduld. Wenn du dich in einem Moment nicht in der Lage fühlst mir zu helfen, dann signalisiere mir das. Sage mir, dass du damit gerade nicht umgehen kannst. Aber sage mir auch, dass ich trotzdem nicht alleine bin, denn das ist meine größte Angst. Du musst nicht meinen Therapeuten spielen und dich immer meinen Tiefs aussetzen. Eine Umarmung, ein Bonbon oder eine gute Filmempfehlung stehen auf der Skala der besten Helfertips auch ganz weit oben. Und bitte stell Fragen. Alles was du wissen willst, will auch ich wissen. Ich will keine Belastung sein und deßhalb ist es wichtig, darüber zu reden.

Danke, dass du da bist. Denn das ist, was zählt.

 

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