Nachtschwärmerei

Ende Mai. Gerade aus der Tür vom Game-of-Thrones Binge Watching mit Freunden, fängt der Regen an. Ein heftiges Gewitter. Die Erlösung nach einem heißen Wochenende. Dem ersten richtig heißen Wochenende. Dicke, nasse Tropfen. Wasserströme durch die von Straßenlaternen beleuchteten Blätter der grünen Bäume.

Zu zweit, eng umschlungen unter einem Schirm. Bringt nichts. Schuhe durchnässt, Haare krause, Brille beschlagen, Tasche durchweicht. Fröhlich, lachend, den Ernst des Lebens diskutierend, Unterschlupf suchend. Jogginghose trieft, Vintage-Pulli schwer vom Wasser.

In der Bahn sehen alle so aus. Dann: Endstation Warschauer Straße. Blitze zerreissen die Wolkendecke, Donner grölt, Mädchen schreien verängstigt, Dealer lachen gehässig, Kiosk-Verkäufern schütteln enttäuscht den Kopf. Keine gute Nacht für hohen Umsatz. Auf dem MP3-Player läuft das letzte Moderat Album. Das Klischee einer Berliner Studentin wie sie leibt und lebt.

 

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Und plötzlich warst du da

 

An einem warmen Tag im Sommer war es plötzlich anders.

Du hast den Arm auf dem Weg zur Bar um meine Schulter gelegt.

Später hast du mir erzählt, dass genau dieser Tag der Zeitpunkt war an dem du entschieden hast, dass wir Freunde werden sollen.

Richtige Freundschaft.

Jetzt erst weiß ich, dass ich das vorher nie hatte. Freunde waren vorübergehend. Mentale Verbindung: Fehlanzeige. Dass von meinem Gegenüber die Initiative für Unternehmungen ergriffen wird: nicht vorhanden. Dass sich auch mal um mich gekümmert wurde: brauchte man nicht, denn ich hab ja immer geschwiegen.

Ich musste arbeiten für „Freunde“. 80% von mir, 20% von dem Anderen.

Bis jetzt.

Eine Beziehung, gegenseitige Liebe und Respekt. Loyalität. Füreinander da sein.

Ich hab meine Gefühle für dich zuerst verwechselt. Mit körperlicher Liebe, Anziehung, Sex, die andere Beziehung eben, denn Freundschaft kannte ich ja nicht.

Aber du hast dich so nie für mich interessierst.

Und ich bin froh, dass ich falsch lag.

Diese Beziehung ist viel tiefer, besser, größer, schöner.

Eine Verbindung für´s Leben, obwohl wir noch so jung sind. Irgendwoher weiß ich das.

Du bist immer für mich da, ich immer für dich.

Wir raven Nächte durch in Clubs die niemand kennt. Wir probieren Drogen aus und reden über die intimsten Details unseres Sexlebens. What`s App Nachrichten schreiben wir wie ein altes Pärchen. Unsere Außenwelt nimmt uns manchmal auch so wahr. Mit einem besonderen „Tick“. Wir diskutieren wild, finden heraus was wir wollen, mit dem Leben anfangen sollen, wohin unsere Reise geht. Sagen uns ehrlich die Meinung und brauchen nichts verschönern.

Vertrauen. Eine neue Erfahrung für mich.

Sich auf jemanden verlassen können. Dazu braucht es Mut.

Ich hab ihn gefunden.

Und auch wenn du nicht immer da bist so bist du es doch.

Ich fühl mich wohl, kann mich fallen lassen. Du bist ein Geschenk. Ich hoffe, das jeder so eins mal bekommt.

Ganz plötzlich ist das passiert. Und seitdem bist du in meinem Leben.

Du bist mein bester Freund.

Die Set Runnerin

Filme fand ich schon immer toll. Aber meistens begeistere ich mich nicht für den Inhalt, die tollen Darsteller oder die wahnsinnig tollen Handlungsstränge. Ich interessiere mich vielmehr für die Art und Weise der Produktion, Szenografie, Kostüme, Effekte und eigentlich alle, was so hinter der Kamera passiert.

Ich habe in den letzten Jahren schon ein paar Mal bei kleineren Filmproduktionen von Freunden mitgeholfen und jetzt wollte ich endlich mal den Schritt in Richtung professionelles Arbeiten wagen. Kurzerhand habe ich im Internet nach Projekten gesucht und schon zwei Tage später war ich offiziell Set Runnerin bei einem Vordiplomfilm der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Krass aufregend, sehr spannend, mega anstrengend. Meine Erfahrungen habe ich hier kurz zusammen gefasst.

 

  1. Drehtag

Aufstehen um 6:30 Uhr, Arbeitsbeginn 8:00 Uhr und Drehbeginn um 9:00 Uhr. Treffpunkt ist am S-Bahnhof Gesundbrunnen. Ich treffe zum ersten Mal auf das gesamte Team von Kamera, Ton, Licht, Szenografie, Kostüm, Maske, Aufnahmeleitung, Regieassistenz etc. Meine Aufgabe an diesem Tag besteht daraus, Kaffee zu kochen, Brote zu schmieren und auf Equipment aufzupassen. Zusammen mit Lisa und Tamara von der Produktion sitze ich bis nachmittags um 14:00 Uhr draußen in der Kälte, es ist ja immer noch April. Das Drehteam fährt in der S-Bahn und darf nur eine geringe Anzahl an Leuten mitnehmen (Auflagen von der Bahngesellschaft). Immer wenn sie wieder am Bahnhof ankommen, rennen Lisa und ich kurz zum Steig und bringen Proviant, Wärmflaschen für die Darsteller oder geben ein Statusupdate. Ben der Aufnahmeleiter ist mega gechillt, auch wenn die Drehzeit etwas überzogen wird. Romina, die weibliche Hauptdarstellerin hat eine Nebenhöhlenentzündung. Regisseurin Anna nimmt teilweise über 25 Takes für eine Einstellung auf. Nicht besonders aufregend, absolut kein Glamour, aber irgendwie finde ich es ziemlich cool, Teil von diesem entspannten Team zu sein.

 

  1. Drehtag

Aufstehen 3:01, erste Bahn von der Warschauer Straße zum Kottbusser Tor um 3:57 Uhr mit den ersten Clubleichen, die betrunken durch die Wagons torkeln. Treffpunkt 4:14 Uhr im Café Kotti, einer kleinen gemütlichen Bar oberhalb des Kottbusser Tors. Heute müssen wir nicht draußen sitzen sondern haben einen warmen Raum, in dem ich wieder das Catering aufbaue. Gedreht wird aber immer in meiner Nähe, sodass ich häufig um Kleinigkeiten gebeten werde die ich dann in Hochgeschwindigkeit von A nach B transportiere. Ich kaufe Suppenteller, blockiere Straßen für Fußgänger, passe auf Kameraequipment auf, betreue einen Kinderdarsteller, unterhalte mich mit der Kostümfrau Wiebke über Mode und irgendwann kommt auch endlich die Sonne raus. Als die Geschäfte aufmachen, ist es für das gesamte Team bereits Mittagessenszeit nach über 6 Stunden Drehzeit und es gibt Couscous, Würstchen und Gemüsesuppe. Heute habe ich schon viel mehr Verantwortung, da Tamara und Lisa nicht die ganze Zeit am Set sind und ich somit das Bindeglied zwischen Aufnahmeleitung und Produktion bin. Viel Stress, viel Verantwortung, großer Zeitdruck. Manche mögen es für verrückt halten, aber ich LIEBE diese Arbeit!

 

  1. Drehtag

Als mich heute mein Wecker um 3:15 Uhr nach nur vier Stunden Schlaf eiskalt anfängt zu klingeln ist mein Adrenalin sofort auf 180. Meine erste Aufgabe heute ist es, ein Taxi vom Verleih abzuholen und sicher ans Set zu bringen. Die erste Hürde: aus den warmen Laken kriechen und unter die Dusche springen. Als ich dann kurz vor fünf beim Verleih stehe klappt alles wunderbar. Ich unterschreibe die notwendigen Papiere und bekomme die Schlüssel. Dann die ersten Probleme: Ich bin noch nie Mercedes gefahren, geschweige denn mit Automatikschaltung und ich finde auch erstmal überhaupt nicht die Handbremse. Glücklicherweise befindet sich neben der Pförtnerin noch ein Lieferant im Gebäude, der mir eine Schnelleinweisung gibt. Irgendwie komme ich dann mit dem Schlitten aus dem zweistöckigen Parkhaus, nachdem ich schweißgebadet die engen Kurven im Schneckentempo heruntergekrochen bin. Zum Glück hat mich niemand gesehen. Und zum Glück ist noch niemand auf den Straßen unterwegs! Irgendwie komme ich heil am Set an und alles verläuft nach Plan. Irgendwann am Vormittag bringe ich dann das Auto zurück und fahre zusammen mit Cyrill, dem zweiten Set Runner, zu einem Strip Club in der Nähe vom Potsdamer Platz. Dort wird weiter gedreht mit Stripperinnen und ich hab viel Leerlauf, schmiere Schnittchen, parke Autos um, besorge Pommes und Schokolade, assistiere ein bisschen beim Szenenbild und unterhalte mich mit einer der Darstellerinnen über die Kunst in meinem Unigebäude der Europäischen Ethnologie. Die Welt ist so klein. Nach fast 12 Stunden am Set bin ich dann auch echt fertig. Gefühlt habe ich einen Liter Kaffee und vier Club Mathe getrunken, nur Schokolade gegessen und fühle mich wie durch den Fleischwolf gedreht. Aber es ist immer noch geil. Ein bisschen froh bin ich trotzdem, dass ich morgen mal frei hab und stattdessen Musicalprobe habe und Babysitten muss 😀

 

  1. Drehtag (für mich)

Gestern hatte ich ja drehfrei und komme deswegen heute relativ entspannt und ausgeschlafen ans Set. Wir sind wieder am Kottbusser Tor in einer kleinen Passage, wo wir ein paar Szenen in einem kleinen Friseursalon drehen. Ich kann auch das erste Mal so richtig mit am Set sein, in den Monitor schauen und zugucken, wie die Regisseurin mit den Darstellern arbeitet. Und wieder einmal wird mit bewusst, wie aufwendig so eine Filmproduktion ist. Eine Szene haben wir bestimmt aus fünf verschiedenen Einstellungen gedreht und somit musste vor allem die Continuity immer aufpassen, dass die Anschlüsse korrekt waren, die Maske und das Szenenbild mussten auf Frisuren und Objekte aufpassen, die immer an den gleichen Stellen sein mussten und und und. Es ist ziemlich spannend live dabei zu sein, aber wahrscheinlich auch nur für Leute wie mich. Ich sitze also fast den ganzen Tag hinter einer Glastür und starre zusammengekauert auf den Monitor. Es ist verrückt, aber ich glaube, dass ich noch nie so viel Input auf einmal bekommen habe und noch nie so viel auf einmal gelernt habe. Außerdem sind Sätze wie „Was haben wir nur die ganze Zeit ohne dich gemacht?“ ein gutes Zeichen, dass ich hier wirklich richtig bin.

 

  1. Drehtag

Heute war der Tag des Horrors. Da der eigentliche Produktionsfahrer leider nicht da war, musste ich mit einem VW Bully durch die Stadt düsen. Bereits beim Ausparken hatte ich große Schwierigkeiten (Stau verursachen, Handbremse vergessen, Taxifahrer lachen mich aus, Straße ist zu klein) aber das ist erst der Anfang der Geschichte.  Von Kreuzberg aus fuhr ich bis zur Messe um Bänder für den Tonmann abzuholen. Auf dem Rückweg muss ich durch eine kleine Straße, auf beiden Seiten zugeparkt und auf einmal fängt es auch noch mega zu regnen an. Als ich dann abbiegen will und mir auch noch zwei große Autos entgegen kommen, bleibe ich mit der hinteren Felge auf einem parkenden Auto hängen. Polizei kam und nahm alles auf und der Schock ließ irgendwann auch wieder nach. Allerdings verlor ich natürlich ziemlich viel Zeit. Als ich auf dem Rückweg auf einem Parkplatz hinter dem Waschsalon am Platz der Luftbrücke einparken will, passiert dann das nächste Unglück: Ich bleibe nur ganz leicht auf einem weiteren Auto hängen. Cyrill ist zum Glück in der Nähe und kann das Auto wieder umparken. Allerdings steht ein ganzer türkischer Clan darum, die die Stelle begutachten an der ich den Wagen gestreift habe. Man sieht einen Minikratzer auf einem Plastikteil aber ansonsten ist überhaupt nichts passiert. Trotzdem wird sofort die Polizei gerufen, ich bin Hausgespräch und überhaupt bin ich einfach durch. Abends kümmere ich mich nochmal um Catering und gehe dann zur Musicalprobe. Aber mit einem großen Bier.

 

Mein Fazit: Voll mein Ding. Ich liebe Filmarbeit, hinter der Kamera, Produktion, Aufnahmeleitung, alles. Als Fahrerin bin ich gänzlich ungeeignet und das werde ich auch nie wieder tun. Ich bin anscheinend aber ganz gut mit meinem Organisationstalent und meiner Flexibilität am Set aufgehoben, denn ich wurde von der Produktionsleitung gefragt ob ich für einen weiteren Drehblock mit nach Warschau fahren möchte (ging leider nicht weil ich Aufführungen hatte L ). Zudem habe ich keine übermäßig romantisierte Vorstellung von einem glamourösen Filmleben, sondern mache mir auch mal die Hände schmutzig. Ich will unbedingt noch mehr ausprobieren und lernen und irgendwann hoffentlich auch mal Geld damit verdienen (so wie wahrscheinlich halb Berlin). Aber ich streng mich an und werde hart dafür arbeiten!