Seid nett zueinander!

Neulich lief ich abends gerade aus dem Bahnhofsfoyer, etwas gestresst, mit lauter Musik auf den Kopfhörern, als ein junger Mann auf mich zukam. Er sah sehr nett aus, lächelte mich an und ich nahm meine Stöpsel aus den Ohren, da ich davon ausging, dass er mich nach dem Weg fragen wollte. Doch dann die Überraschung. Er sagte zu mir nur einen Satz: „Du bist wunderschön.“, lächelte mich nochmal an und ging weiter. Perplex wie ich war, grinste ich nur vor mich hin, stöpselte meine Ohren wieder zu und ging weiter.

Eine kleine Geste, ein kurzer Satz, ein aufmunterndes Lächeln, all das kann uns den Tag versüßen. Wie oft reden wir mit unseren Freunden über Leute die vorbei laufen und die wir schön, interessant, faszinierend, verrückt oder lustig finden? Ich meinerseits fast täglich. Und eigentlich sollten wir viel öfter anderen Menschen mitteilen, dass wir etwas schön, besonders oder einfach toll an ihnen finden. Dir tut es nicht weh und vielleicht trägst du dazu bei, dass sich ein richtig mieser Tag für jemand anderen doch noch in einen schönen Tag verwandelt.

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Brief einer Patientin

Hey,

schön, dass es dich gibt. Das wollte ich dir erstmal sagen. Du bist ein wichtiger Teil von meinem Leben und es ist mir wichtig, dass du das weißt. Du weißt auch, dass ich Depressionen habe. Aussetzer, schlechte Stimmung, Weinkrämpfe und Aggressionen. Du unterstützt mich dabei und das ist echt der Wahnsinn. Danke dafür. Doch manchmal gerate ich an meine Grenzen, genauso wie du. Die Stimmungsschwankungen schlagen auf die Beziehung und um eine dauerhafte Beschädigung zu vermeiden möchte ich dir versuchen zu erklären, was wichtig ist, wie du mir helfen kannst und wie du auch Abstand nehmen kannst.

Das Schwierigste an Depressionen ist, dass ich keinen Einfluss habe, wann, wo und durch was sie ausgelöst werden und warum sie kommen. Manchmal können es große Rückschläge, wie eine verpatzte Klausur sein. An anderen Tagen ist es nur die Teekanne, die tropft. Das Wichtigste, was ich in solchen Situationen brauche, sind Verständnis und Geduld. Du kannst nicht verstehen (genausowenig wie ich) warum manche Situationen mehr Einfluss auf meine Stimmung haben als andere, aber das Ziel ist auch nicht, die Situationen zu umgehen, sondern sie auszuhalten. Und das Aushalten schaffe ich nur mit Unterstützung. Ich muss nicht hören, dass etwas eigentlich gar nicht schlimm ist. Das weiß ich. Ich muss nicht hören, dass mich trotzdem jemand lieb hat. Das weiß ich. Ich muss auch nicht hören, dass ich aus einer Mücke keinen Elefanten machen soll und ich mich zusammen reißen soll. Das weiß ich.

Was mir hilft, sind Fragen die mir helfen das Geschehen zu reflektieren. Was denkst du? Was fühlst du? Warum fühlst du so? Was könnte deiner Meinung nach der springende Punkt gewesen sein? Das Ziel für mich besteht darin, selbst zu verstehen, dass die Welt von einer tropfenden Teekanne nicht untergeht. Zu wissen, an welchem Punkt ich stoppen muss, bevor ich einen Ausraster bekomme. Zu verstehen, dass ich damit klar kommen kann, wenn mich gerade etwas fertig macht und irgendwann auch wieder Licht am Ende des Tunnels ist.

Ich weiß selbst nicht, wann was passiert und wie ich darauf reagiere. Und dafür brauche ich dein Verständnis. Nicht für die Situation, den Auslöser an sich, denn dieser ist meistens total irrational und für Außenstehende (und auch mich) im seltensten Fall verständlich. Verständnis brauche ich für mich und die Tatsache, dass ich mich selbst in dem Augenblick nicht verstehe, die Situation hasse, vielleicht mich selbst hasse für das was ich in diesem Augenblick tue. Und das braucht Geduld. Wenn du dich in einem Moment nicht in der Lage fühlst mir zu helfen, dann signalisiere mir das. Sage mir, dass du damit gerade nicht umgehen kannst. Aber sage mir auch, dass ich trotzdem nicht alleine bin, denn das ist meine größte Angst. Du musst nicht meinen Therapeuten spielen und dich immer meinen Tiefs aussetzen. Eine Umarmung, ein Bonbon oder eine gute Filmempfehlung stehen auf der Skala der besten Helfertips auch ganz weit oben. Und bitte stell Fragen. Alles was du wissen willst, will auch ich wissen. Ich will keine Belastung sein und deßhalb ist es wichtig, darüber zu reden.

Danke, dass du da bist. Denn das ist, was zählt.

 

Der Vibe

Small-Talk ist die Grundlage eines jeden Gesprächs, insbesondere wenn wir neue Menschen kennen lernen. Wir checken aus, wie unser Gegenüber so tickt, was ihm gefällt und was nicht und wie sein Leben so gestaltet ist. Ziemlich schnell merken wir dabei, ob wir mit jemandem gerne viel Zeit verbringen möchten oder wir auf weitere Treffen gerne verzichten. Im Neudeutsch unsere Generation sprechen wir dabei von dem sogenannten „Vibe“. Das sind Wellen und Schwingungen die uns von anderen Menschen entgegenschwappen und dem möchte ich mich mal genauer widmen. Was macht denn dieser Vibe mit uns? Warum ist es so wichtig, dass wir mit unseren Freunden auf dem selben Vibe sind? Und was passiert, wenn sich die Vibes auf einmal verändern?

Vibes stelle ich mir bildlich wie Sinus-Kurven in der Mathematik vor. Dabei gibt es größere und kleinere, höhere und niedrigere Wellen aber manchmal auch Funktionen, die immer höher oder enger werden, vielleicht aber auch gar keine Gleichmäßigkeit entwickeln und eher aussehen wie der DAX.

In unserem Freundeskreis treffen meistens viele verschiedene Vibes aufeinander. Von manchen können wir profitieren und uns gegenseitig ergänzen. Bei anderen lernen wir viel über uns selber und mit welchen Eigenschaften unsere eigenen Kurven nicht ganz so gut harmonieren. Und langsam wird uns auch bewusst, mit welchen Schwingungen wir auf Dauer gut harmonieren und zu welchen wir lieber Abstand möchten. Ein Beispiel für eine regelmäßige, nicht allzu große Kurve wäre eine junge Frau, Anfang 20, sitzt gerade an ihrem Bachelor und arbeitet nebenbei in einem Medien Start-Up. Ab und zu geht sie mal was mit Freunden trinken, auf ein Konzert oder ins Kino, aber über die Stränge schlagen wird sie eher nicht.  Im Gegensatz dazu stünde ein junger Mann, der eigentlich Bauingenieur ist, Teilzeit arbeitet, gerne auf Elektro-Parties tanzt, in seiner Freizeit Portraits von Freunden schießt und sich gerne mal Bühnenkonzepte für Mozart-Opern ausdenkt, sämtliche Magazine über Mode, Ernährung und Fitness ließt sowie jeden zweiten Tag im Fitnessstudio verbringt und am Wochenende am See entspannt und mindestens einen Club von innen gesehen haben muss.

Beide Personen sind miteinander befreundet, da sie sich im Bereich Mode auf demselben Level befinden und einen gemeinsamen Freundeskreis haben. Aber irgendwann kommt ein Punkt, an dem die beiden auseinander gehen. Nicht einmal eines großen Streits oder weil jemand wegzieht. Sondern viel eher, weil sie merken, dass die Vibes nicht deckungsgleich sind. Man will unterschiedliche Dinge vom Leben und manch einer findet seine Regelmäßigkeit früher oder später, andere suchen erst gar nicht danach. Wessen Kurve nicht gleichmäßig verläuft wird von der Gesellschaft oft als unnormal wahrgenommen. Du kündigst deinen Job um eine Weltreise zu machen? Das ist aber verrückt. Du bist 18 und träumst davon, Fußballprofi zu werden? Such dir doch was, wo du mehr Sicherheiten hast. Du willst zum Film? Hast du dir das auch gut überlegt? Seit wann trägst du bauchfrei? Stark ausgeprägte, unregelmäßige Vibes kommen in der Gesellschaft an wie nicht lösbare Gleichungen in der Mathematik: Nicht gut.

Ich schätze in den 20ern verändern sich unsere Kurven am meisten. Manche werden größer, manche kürzer, andere haben große Ausschläge nach oben und unten. Und in genau diese Phasen ist es wichtig, Menschen mit ähnlichen Amplituden um uns herum zu haben. Menschen, die verstehen, wenn die y-Achse eigentlich gerade zu kurz für uns ist, wir auch mal für ein paar Tage unter Null sind oder irgendein kleiner Troll auf unserem Vibe gerade Achterbahn mit einem Vorschlaghammer fährt. Das bedeutet aber auch, dass Menschen, deren Kurven gerade nicht zu der Unseren passen, vielleicht verblassen oder zeitweise auch ganz verschwinden. Das zu verstehen und anzunehmen ist schwer, denn Menschen los zu lassen und einzusehen, dass man gerade etwas anderes braucht ist emotional eine wahnsinnige Herausforderung. Schluss machen in Freundschaften ist mindestens genauso schmerzhaft wie Liebesbeziehungen zu beenden.

Am Ende stehen wir jedoch mit unserem Vibe alleine da. Deinen eigenen Graphen kennst du selbst am besten. Wenn das zum momentanen Zeitpunkt noch nicht der Fall ist, solltest du zumindest versuchen, irgendwann eine Idee davon zu bekommen. Es ist so wichtig, auf sich selbst zu hören, seine eigenen Schwingungen zu kennen und zu akzeptieren (!). Denn erst dann können wir auschecken, welchen Spielraum uns die eigenen Kurven lassen um Kompromisse mit anderen Vibes zu schließen. Die bunte Vielfalt, das Kreuz und Quer und Zickzack übereinander machen doch erst den Reiz aus, den die Welt uns zu bieten hat. Man muss nur wissen, wo man sich selbst in dem ganzen Kuddelmuddel wiederfindet.

 

Nachtschwärmerei

Ende Mai. Gerade aus der Tür vom Game-of-Thrones Binge Watching mit Freunden, fängt der Regen an. Ein heftiges Gewitter. Die Erlösung nach einem heißen Wochenende. Dem ersten richtig heißen Wochenende. Dicke, nasse Tropfen. Wasserströme durch die von Straßenlaternen beleuchteten Blätter der grünen Bäume.

Zu zweit, eng umschlungen unter einem Schirm. Bringt nichts. Schuhe durchnässt, Haare krause, Brille beschlagen, Tasche durchweicht. Fröhlich, lachend, den Ernst des Lebens diskutierend, Unterschlupf suchend. Jogginghose trieft, Vintage-Pulli schwer vom Wasser.

In der Bahn sehen alle so aus. Dann: Endstation Warschauer Straße. Blitze zerreissen die Wolkendecke, Donner grölt, Mädchen schreien verängstigt, Dealer lachen gehässig, Kiosk-Verkäufern schütteln enttäuscht den Kopf. Keine gute Nacht für hohen Umsatz. Auf dem MP3-Player läuft das letzte Moderat Album. Das Klischee einer Berliner Studentin wie sie leibt und lebt.

 

Und plötzlich warst du da

 

An einem warmen Tag im Sommer war es plötzlich anders.

Du hast den Arm auf dem Weg zur Bar um meine Schulter gelegt.

Später hast du mir erzählt, dass genau dieser Tag der Zeitpunkt war an dem du entschieden hast, dass wir Freunde werden sollen.

Richtige Freundschaft.

Jetzt erst weiß ich, dass ich das vorher nie hatte. Freunde waren vorübergehend. Mentale Verbindung: Fehlanzeige. Dass von meinem Gegenüber die Initiative für Unternehmungen ergriffen wird: nicht vorhanden. Dass sich auch mal um mich gekümmert wurde: brauchte man nicht, denn ich hab ja immer geschwiegen.

Ich musste arbeiten für „Freunde“. 80% von mir, 20% von dem Anderen.

Bis jetzt.

Eine Beziehung, gegenseitige Liebe und Respekt. Loyalität. Füreinander da sein.

Ich hab meine Gefühle für dich zuerst verwechselt. Mit körperlicher Liebe, Anziehung, Sex, die andere Beziehung eben, denn Freundschaft kannte ich ja nicht.

Aber du hast dich so nie für mich interessierst.

Und ich bin froh, dass ich falsch lag.

Diese Beziehung ist viel tiefer, besser, größer, schöner.

Eine Verbindung für´s Leben, obwohl wir noch so jung sind. Irgendwoher weiß ich das.

Du bist immer für mich da, ich immer für dich.

Wir raven Nächte durch in Clubs die niemand kennt. Wir probieren Drogen aus und reden über die intimsten Details unseres Sexlebens. What`s App Nachrichten schreiben wir wie ein altes Pärchen. Unsere Außenwelt nimmt uns manchmal auch so wahr. Mit einem besonderen „Tick“. Wir diskutieren wild, finden heraus was wir wollen, mit dem Leben anfangen sollen, wohin unsere Reise geht. Sagen uns ehrlich die Meinung und brauchen nichts verschönern.

Vertrauen. Eine neue Erfahrung für mich.

Sich auf jemanden verlassen können. Dazu braucht es Mut.

Ich hab ihn gefunden.

Und auch wenn du nicht immer da bist so bist du es doch.

Ich fühl mich wohl, kann mich fallen lassen. Du bist ein Geschenk. Ich hoffe, das jeder so eins mal bekommt.

Ganz plötzlich ist das passiert. Und seitdem bist du in meinem Leben.

Du bist mein bester Freund.

Die Set Runnerin

Filme fand ich schon immer toll. Aber meistens begeistere ich mich nicht für den Inhalt, die tollen Darsteller oder die wahnsinnig tollen Handlungsstränge. Ich interessiere mich vielmehr für die Art und Weise der Produktion, Szenografie, Kostüme, Effekte und eigentlich alle, was so hinter der Kamera passiert.

Ich habe in den letzten Jahren schon ein paar Mal bei kleineren Filmproduktionen von Freunden mitgeholfen und jetzt wollte ich endlich mal den Schritt in Richtung professionelles Arbeiten wagen. Kurzerhand habe ich im Internet nach Projekten gesucht und schon zwei Tage später war ich offiziell Set Runnerin bei einem Vordiplomfilm der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Krass aufregend, sehr spannend, mega anstrengend. Meine Erfahrungen habe ich hier kurz zusammen gefasst.

 

  1. Drehtag

Aufstehen um 6:30 Uhr, Arbeitsbeginn 8:00 Uhr und Drehbeginn um 9:00 Uhr. Treffpunkt ist am S-Bahnhof Gesundbrunnen. Ich treffe zum ersten Mal auf das gesamte Team von Kamera, Ton, Licht, Szenografie, Kostüm, Maske, Aufnahmeleitung, Regieassistenz etc. Meine Aufgabe an diesem Tag besteht daraus, Kaffee zu kochen, Brote zu schmieren und auf Equipment aufzupassen. Zusammen mit Lisa und Tamara von der Produktion sitze ich bis nachmittags um 14:00 Uhr draußen in der Kälte, es ist ja immer noch April. Das Drehteam fährt in der S-Bahn und darf nur eine geringe Anzahl an Leuten mitnehmen (Auflagen von der Bahngesellschaft). Immer wenn sie wieder am Bahnhof ankommen, rennen Lisa und ich kurz zum Steig und bringen Proviant, Wärmflaschen für die Darsteller oder geben ein Statusupdate. Ben der Aufnahmeleiter ist mega gechillt, auch wenn die Drehzeit etwas überzogen wird. Romina, die weibliche Hauptdarstellerin hat eine Nebenhöhlenentzündung. Regisseurin Anna nimmt teilweise über 25 Takes für eine Einstellung auf. Nicht besonders aufregend, absolut kein Glamour, aber irgendwie finde ich es ziemlich cool, Teil von diesem entspannten Team zu sein.

 

  1. Drehtag

Aufstehen 3:01, erste Bahn von der Warschauer Straße zum Kottbusser Tor um 3:57 Uhr mit den ersten Clubleichen, die betrunken durch die Wagons torkeln. Treffpunkt 4:14 Uhr im Café Kotti, einer kleinen gemütlichen Bar oberhalb des Kottbusser Tors. Heute müssen wir nicht draußen sitzen sondern haben einen warmen Raum, in dem ich wieder das Catering aufbaue. Gedreht wird aber immer in meiner Nähe, sodass ich häufig um Kleinigkeiten gebeten werde die ich dann in Hochgeschwindigkeit von A nach B transportiere. Ich kaufe Suppenteller, blockiere Straßen für Fußgänger, passe auf Kameraequipment auf, betreue einen Kinderdarsteller, unterhalte mich mit der Kostümfrau Wiebke über Mode und irgendwann kommt auch endlich die Sonne raus. Als die Geschäfte aufmachen, ist es für das gesamte Team bereits Mittagessenszeit nach über 6 Stunden Drehzeit und es gibt Couscous, Würstchen und Gemüsesuppe. Heute habe ich schon viel mehr Verantwortung, da Tamara und Lisa nicht die ganze Zeit am Set sind und ich somit das Bindeglied zwischen Aufnahmeleitung und Produktion bin. Viel Stress, viel Verantwortung, großer Zeitdruck. Manche mögen es für verrückt halten, aber ich LIEBE diese Arbeit!

 

  1. Drehtag

Als mich heute mein Wecker um 3:15 Uhr nach nur vier Stunden Schlaf eiskalt anfängt zu klingeln ist mein Adrenalin sofort auf 180. Meine erste Aufgabe heute ist es, ein Taxi vom Verleih abzuholen und sicher ans Set zu bringen. Die erste Hürde: aus den warmen Laken kriechen und unter die Dusche springen. Als ich dann kurz vor fünf beim Verleih stehe klappt alles wunderbar. Ich unterschreibe die notwendigen Papiere und bekomme die Schlüssel. Dann die ersten Probleme: Ich bin noch nie Mercedes gefahren, geschweige denn mit Automatikschaltung und ich finde auch erstmal überhaupt nicht die Handbremse. Glücklicherweise befindet sich neben der Pförtnerin noch ein Lieferant im Gebäude, der mir eine Schnelleinweisung gibt. Irgendwie komme ich dann mit dem Schlitten aus dem zweistöckigen Parkhaus, nachdem ich schweißgebadet die engen Kurven im Schneckentempo heruntergekrochen bin. Zum Glück hat mich niemand gesehen. Und zum Glück ist noch niemand auf den Straßen unterwegs! Irgendwie komme ich heil am Set an und alles verläuft nach Plan. Irgendwann am Vormittag bringe ich dann das Auto zurück und fahre zusammen mit Cyrill, dem zweiten Set Runner, zu einem Strip Club in der Nähe vom Potsdamer Platz. Dort wird weiter gedreht mit Stripperinnen und ich hab viel Leerlauf, schmiere Schnittchen, parke Autos um, besorge Pommes und Schokolade, assistiere ein bisschen beim Szenenbild und unterhalte mich mit einer der Darstellerinnen über die Kunst in meinem Unigebäude der Europäischen Ethnologie. Die Welt ist so klein. Nach fast 12 Stunden am Set bin ich dann auch echt fertig. Gefühlt habe ich einen Liter Kaffee und vier Club Mathe getrunken, nur Schokolade gegessen und fühle mich wie durch den Fleischwolf gedreht. Aber es ist immer noch geil. Ein bisschen froh bin ich trotzdem, dass ich morgen mal frei hab und stattdessen Musicalprobe habe und Babysitten muss 😀

 

  1. Drehtag (für mich)

Gestern hatte ich ja drehfrei und komme deswegen heute relativ entspannt und ausgeschlafen ans Set. Wir sind wieder am Kottbusser Tor in einer kleinen Passage, wo wir ein paar Szenen in einem kleinen Friseursalon drehen. Ich kann auch das erste Mal so richtig mit am Set sein, in den Monitor schauen und zugucken, wie die Regisseurin mit den Darstellern arbeitet. Und wieder einmal wird mit bewusst, wie aufwendig so eine Filmproduktion ist. Eine Szene haben wir bestimmt aus fünf verschiedenen Einstellungen gedreht und somit musste vor allem die Continuity immer aufpassen, dass die Anschlüsse korrekt waren, die Maske und das Szenenbild mussten auf Frisuren und Objekte aufpassen, die immer an den gleichen Stellen sein mussten und und und. Es ist ziemlich spannend live dabei zu sein, aber wahrscheinlich auch nur für Leute wie mich. Ich sitze also fast den ganzen Tag hinter einer Glastür und starre zusammengekauert auf den Monitor. Es ist verrückt, aber ich glaube, dass ich noch nie so viel Input auf einmal bekommen habe und noch nie so viel auf einmal gelernt habe. Außerdem sind Sätze wie „Was haben wir nur die ganze Zeit ohne dich gemacht?“ ein gutes Zeichen, dass ich hier wirklich richtig bin.

 

  1. Drehtag

Heute war der Tag des Horrors. Da der eigentliche Produktionsfahrer leider nicht da war, musste ich mit einem VW Bully durch die Stadt düsen. Bereits beim Ausparken hatte ich große Schwierigkeiten (Stau verursachen, Handbremse vergessen, Taxifahrer lachen mich aus, Straße ist zu klein) aber das ist erst der Anfang der Geschichte.  Von Kreuzberg aus fuhr ich bis zur Messe um Bänder für den Tonmann abzuholen. Auf dem Rückweg muss ich durch eine kleine Straße, auf beiden Seiten zugeparkt und auf einmal fängt es auch noch mega zu regnen an. Als ich dann abbiegen will und mir auch noch zwei große Autos entgegen kommen, bleibe ich mit der hinteren Felge auf einem parkenden Auto hängen. Polizei kam und nahm alles auf und der Schock ließ irgendwann auch wieder nach. Allerdings verlor ich natürlich ziemlich viel Zeit. Als ich auf dem Rückweg auf einem Parkplatz hinter dem Waschsalon am Platz der Luftbrücke einparken will, passiert dann das nächste Unglück: Ich bleibe nur ganz leicht auf einem weiteren Auto hängen. Cyrill ist zum Glück in der Nähe und kann das Auto wieder umparken. Allerdings steht ein ganzer türkischer Clan darum, die die Stelle begutachten an der ich den Wagen gestreift habe. Man sieht einen Minikratzer auf einem Plastikteil aber ansonsten ist überhaupt nichts passiert. Trotzdem wird sofort die Polizei gerufen, ich bin Hausgespräch und überhaupt bin ich einfach durch. Abends kümmere ich mich nochmal um Catering und gehe dann zur Musicalprobe. Aber mit einem großen Bier.

 

Mein Fazit: Voll mein Ding. Ich liebe Filmarbeit, hinter der Kamera, Produktion, Aufnahmeleitung, alles. Als Fahrerin bin ich gänzlich ungeeignet und das werde ich auch nie wieder tun. Ich bin anscheinend aber ganz gut mit meinem Organisationstalent und meiner Flexibilität am Set aufgehoben, denn ich wurde von der Produktionsleitung gefragt ob ich für einen weiteren Drehblock mit nach Warschau fahren möchte (ging leider nicht weil ich Aufführungen hatte L ). Zudem habe ich keine übermäßig romantisierte Vorstellung von einem glamourösen Filmleben, sondern mache mir auch mal die Hände schmutzig. Ich will unbedingt noch mehr ausprobieren und lernen und irgendwann hoffentlich auch mal Geld damit verdienen (so wie wahrscheinlich halb Berlin). Aber ich streng mich an und werde hart dafür arbeiten!

Ode an die Freundschaft

Blumen können nicht blühen ohne die Wärme der Sonne. Menschen können nicht Mensch werden ohne die Wärme der Freundschaft. – Phil Bosmans

Es wird cheesy. Ich sage nichts Neues wenn ich behaupte, dass Freundschaften etwas Wundervolles sind. Freunde sind die Menschen die uns neben der Familie durchs Leben begleiten, die wir uns aber im Gegensatz dazu aussuchen können.

Die ersten Freunde gibt´s im Kindergarten. Wir nehmen das erste Mal die anderen Kinder um uns herum richtig wahr und probieren aus, mit wem wir zusammen passen und wen wir auf den Kindergeburtstag einladen. Wir lernen mit ihnen Fahrrad fahren, buddeln im Sandkasten nach Goldschätzen und fangen Frösche im Bach. Wir entdecken die Welt mit ihnen. Die beste Freundin bleibt auch eigentlich immer die beste Freundin, bis auf die Zeiten, wo wir sie hassen und unserer Mama erzählen, dass wir sie total doof finden und sie nie wieder sehen wollen.

In der Pubertät sind Freunde dann wie Statussymbole. Wir wollen cool sein, müssen uns vor uns selbst und den Eltern beweisen wie groß wir schon sind und vor allem das andere Geschlecht beeindrucken. Brüste und Haare wachsen und Jungs sind auf einmal nicht mehr nur Spielzeugfreunde sondern total doof oder bringen uns zum kichern, wenn sie auf einmal mit uns reden. Wir tuscheln in der Clique und tauschen den neuesten Tratsch aus, gehen zusammen shoppen und hängen am Wochenende im Partykeller von angesagten und vor allem älteren Leuten ab, wo wir auch gemeinsam unsere ersten Alkoholerfahrungen sammeln und heimlich in der Toilette das erste Mal jemanden küssen.

Wirklich wichtig werden Freunde aber dann, wenn man wegzieht. Fort von zuhause, allein in eine neue Stadt, mit einem Studienplatz aber ohne Lebensplan und ohne jegliche soziale Kontakte. Jetzt kommt es darauf an aktiv zu werden, Hobbies zu finden und im Studium mit den richtigen Leuten was anzufangen. Auf Erstie-Parties, über die WG-Mitbewohner oder auch über Tinder lernt man erstmal Leute kennen und über die dann noch Weitere, so lange bis man irgendwann das Gefühl hat, dass es Klick gemacht hat.

Doch es ist alles anders als vorher. Man baut keine Sandburgen mehr zusammen, flechtet sich nicht mehr gegenseitig die Haare oder spielt im Baumhaus. Man muss erstmal von null anfangen. Im Leben herrscht auf einmal eine andere Hierarchie der Dinge und wir brauchen Menschen, die diese Dinge mit uns erforschen, mit denen wir wachsen können und mit denen wir gemeinsam in die Selbstständigkeit starten können. Haushalt führen, Ämter besuchen und irgendwie Job und Studium unter einen Hut bringen während man sich nebenbei mal so richtig doll verknallt: niemand schafft das allein. Menschen sind Rudeltiere und das bedeutet: Wir sind füreinander da. Auch wenn Freundschaften oft mühsam sind, viel Pflege verlangen und teilweise auch harte Arbeit bedeuten: Es lohnt sich. Die Freunde die wir jetzt finden, die halten richtig was aus und haben auch das größte Potential für immer im Leben zu bleiben. Sie halten uns einen Spiegel vors Gesicht der uns ganz unbarmherzig zeigt, wie wir sind. Sie kommen nachts um drei mit einer Flasche Wein vorbei wenn wir, weshalb auch immer, am Boden zerstört sind. Sie drücken dich ganz fest wenn es dir schlecht geht und schreien dich an, wenn du Mist baust. Aber du hast sie ausgesucht und das nicht ohne Grund. Sie machen dein Leben komplett und helfen dir bei den Dingen, die du alleine nicht kannst. Wir lieben unsere Freunde und das von ganzem Herzen. Um sie sollten wir uns genauso gut kümmern wie um jede andere (Liebes-)Beziehung auch. Sie machen uns menschlich und sind unsere Familie bis wir irgendwann eine eigene gründen. Danke, dass es euch gibt 🙂